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Sichtwechsel BplusE® Interview 2/2014
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November 2014
Liebe Leserin
Lieber Leser


Wie ist die Zusammensetzung Ihres Verwaltungsrats? Wie ist Ihr Managementteam aufgestellt? Die Tatsache, dass gemischte Teams von Frauen und Männern an der Spitze ein Unternehmen profitabler machen, hat der McKinsey-Report „Women Matter“ von 2007 bestätigt. Teilen Sie diese Erfahrung? Würden Sie der Einschätzung des deutschen Trendforschers Matthias Horx folgen, der sagt: «Die Herausforderungen der nächsten Jahre müssen von Frauen mitgelöst werden. Männer alleine schaffen das nicht!»?

Ich stimme dieser These ganz klar zu. Gleichzeitig spanne ich den Bogen breiter und plädiere in dieser oft einseitig geführten Diskussion für einen Sichtwechsel. Diversität ist mehr, als eine gute Durchmischung auf der Geschlechterebene. Dazu zählen ebenso Alter, berufliche Qualifikation und Nationalität.

Eine Ansicht, die ich mit Dr. Michèle Etienne, meiner Interviewpartnerin für das aktuelle Sichtwechsel BplusE ® Interview, teile. Als Co-Gründerin und Mitinhaberin von GetDiversity in Bern setzt sie sich für eine gut durchmischte Zusammensetzung von Verwaltungsräten und für eine stärkere Präsenz von Frauen in Aufsichtsgremien ein.
Ich wünsche Ihnen inspirierendes Lesevergnügen und grüsse Sie herzlich

Beatrice Erb


PS: Alle Sichtwechsel BplusE® finden Sie hier. Über weitere Anregungen für bestmögliche Verwaltungsratskonstellationen lesen Sie in meinem Artikel «Wann stimmt die Mischung?»
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Die Mischung macht's
Beatrice Erb im Gespräch mit Dr. Michèle Etienne

Beatrice Erb (BE): Frau Dr. Etienne, Sie sind Co-Gründerin und Mitinhaberin von GetDiversity mit Sitz in Bern. Die Organisation vermittelt Verwaltungsrätinnen, seit 2013 auch Verwaltungsräte. Welche Ziele verfolgt GetDiversity?
Dr. Michèle Etienne (ME): Das Geschäftsmodell von GetDiversity basiert auf zwei Pfeilern. Den einen Pfeiler bildet das aktive Netzwerk von rund 100 erfahrenen und angehenden Verwaltungsrätinnen. Diese haben sich in einem mehrstufigen Bewerbungsprozess für die Aufnahme ins Netzwerk qualifiziert. Der andere Pfeiler umfasst die Vermittlung von Kandidierenden für die Übernahme von strategischen Mandaten. Wir sind darauf spezialisiert, bei jeder Vakanz mindestens ein Verhältnis von 50 : 50 zwischen Frauen und Männern zu präsentieren.

BE: Sie selbst bekleiden mehrere Verwaltungsratsmandate. Welche wesentlichen Eigenschaften machen einen professionellen Verwaltungsrat aus?
ME: Salopp gesagt, braucht es eine gute Diversität! Damit meine ich nicht nur den Aspekt des Geschlechts. Der Begriff umfasst die Vielfalt hinsichtlich Geschlecht, Alter, Ausbildung, Fachkenntnisse bis hin zu Kultur, Nationalität und Religion. Je nachdem, wie gross das Unternehmen ist, in welcher Branche es tätig ist und welche Märkte es primär im Fokus hat, sind dann alle oder lediglich eine Auswahl der oben genannten Kriterien entscheidend. Im Idealfall hat ein strategisches Gremium eine Grösse von fünf bis sieben Mitgliedern, bei denen jedes mindestens einen der oben genannten Aspekte abdeckt. Darüber hinaus sind eine gute Kommunikations- und auch Streitkultur erforderlich, gesunder Menschenverstand und die Freude und der Wille, das Unternehmen erfolgreich weiterzubringen.

BE: Gibt es Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Verwaltungsratsmitgliedern im Wahrnehmen ihrer Rolle? Wenn ja, welche stellen Sie fest?
ME: Grundsätzliche Unterschiede hinsichtlich des Geschlechts kann ich kaum erkennen. Mit anderen Worten: Es gibt die dominanten weiblichen Verwaltungsratsmitglieder genauso wie die stillen männlichen, um eine offensichtliche Stereotypie zu benennen. Hingegen stelle ich Unterschiede fest, je nachdem, wie die Geschlechterverteilung im Gremium aussieht. Eine einzige Frau in einem Männergremium geht sprichwörtlich in der Masse unter. Je ausgeglichener die Anzahl von Männern und Frauen im Gremium ist, desto spürbarer sind die Unterschiede. Die Diskussionskultur ändert, die Entscheidungsfindung wird ausgewogener, es wird teilweise auch mühsamer, aber das Ergebnis qualitativ besser. Diese Effekte belegen auch verschiedene empirische Studien.
«Je ausgeglichener die Anzahl von Männern und Frauen im Gremium ist, desto ausgewogener die Entscheidungsfindung und qualitativ besser das Ergebnis.»
Dr. Michèle Etienne
BE: Sie setzen sich für eine stärkere Präsenz von Frauen in Aufsichtsgremien ein. Zahlreiche Verwaltungsratssitze wurden in den letzten Jahren mit Frauen besetzt, Tendenz steigend. Trotz dieser positiven Entwicklung sind die Verwaltungsratsstühle mit Frauen weiterhin deutlich unterbesetzt. Wie war Ihre Prognose, als Sie 2007 mit GetDiversity starteten, und wie ist sie heute?
ME: Wir haben uns den Weg sicher einfacher vorgestellt! In den Medien und der Öffentlichkeit wird das Thema seit Jahren häufig und breit diskutiert. Das lässt den Eindruck entstehen, dass sich auch bei den Entscheidungsträgern vieles tut. Dies ist jedoch nicht der Fall. Die Gremien verändern sich nur langsam und teils auch nicht ganz freiwillig.

BE: Die «Sonntagszeitung» titelte am 18. Mai 2014: «Die Topshots haben lieber ausländische Männer als Schweizerinnen», und erläuterte: «Viele Topshots beklagen, dass sie gerne mehr Frauen an Bord hätten. Das Tragische: Wahrscheinlich meinen sie das, handeln aber nicht danach.» Wäre hier nicht die Quotenregelung das Mittel zum Zweck?
ME: Meine Geschäftspartnerin Dr. Barbara Rigassi und ich sehen in erster Linie die begrenzten Möglichkeiten einer Quote. Davon betroffen wären nur die rund 300 börsenkotierten Unternehmen sowie diejenigen Betriebe, bei welchen Bund und Kantone einen entscheidenden Einfluss besitzen. Die Schweiz hat allerdings rund 300 000 Aktiengesellschaften. Erfahrungen aus dem Ausland zeigen, dass es kaum einen Nachahmungseffekt gibt bei den Firmen, welche nicht unter die gesetzliche Quotenregelung fallen. GetDiversity lehnt die Einführung einer Quote ab und geht einen anderen Weg. Wir setzen uns dezidiert ein für eine Quote im Prozess. Wenn im Bewerbungsprozess mehr Frauen vertreten sind, dann steigt auch die Chance, am Schluss den Prozess zu ihren Gunsten zu entscheiden.

BE: Seit sieben Jahren fördern Sie gezielt die Visibilität und Weiterbildung von potentiellen Verwaltungsratskandidatinnen. Sowohl Sie mit GetDiversity wie auch die Kandidatinnen strengen sich für etwas an, was den allermeisten Männern in den Schoss fällt. Woher nehmen Sie die Energie dafür?
ME: In erster Linie bin ich absolut überzeugt, dass gut durchmischte Teams – egal ob auf strategischer oder operativer Ebene – bessere Ergebnisse liefern und auch für die Involvierten eine persönliche Bereicherung darstellen. Diese Überzeugung hat zur Gründung von GetDiversity geführt. Im Laufe der Zeit wurde es für mich zusätzlich zu einer Herzensangelegenheit, einen Beitrag für die Sache der Frauen zu leisten.

BE: Gab es in Ihrem Leben ein Ereignis, eine Begebenheit, die für Sie einen echten Sichtwechsel bedeutet hat?
ME: Meine Kinder haben mich gelehrt, an den kleinen Dingen im Leben Freude zu haben, hinzuschauen, innezuhalten. Einen anderen Sichtwechsel habe ich in meiner langen Karriere als Reiterin erlebt: sich in ein Pferd hineinzufühlen, mit ihm auf dem Turnier eins zu werden, damit die optimale Leistung als Team aus Mensch und Tier erbracht werden kann. Meine vielen Reisen und das Kennenlernen anderer Kulturen bringen mir den notwendigen Sichtwechsel, damit die vermeintlich selbstverständlichen Dinge zu Hause wieder ihre einmalige Bedeutung erhalten.

BE: Zum Schluss noch eine Frage, die ich allen meinen Interviewpartnerinnen und -partnern stelle: Wenn Sie einen Liebesbrief an Ihr Leben schrieben, welche zwei Sätze würden in diesem Brief stehen?
ME: Liebes Leben, ich möchte dich nicht tauschen. Ich danke dir für meine Familie und die vielen Möglichkeiten, welche du mir mit auf den Weg gegeben hast.

Ich danke Ihnen für den Austausch.
(schriftlich aufgezeichnet im Oktober 2014)
Michèle Etienne wurde bereits als Kind mit dem Pferdevirus infiziert. Wo auch immer ein Ross stand, wollte sie unbedingt und unmittelbar hinaufklettern und losreiten. Ihre Leidenschaft lehrte sie schon früh Verantwortungsbewusstsein, Disziplin, Wettkampfgeist, Hartnäckigkeit und Durchsetzungsvermögen. Mit diesen Eigenschaften ausgestattet, verlief das Studium der Betriebs- und Volkswirtschaftslehre an der Universität Bern reibungslos und wurde mit der Promotion zur Dr. rer. pol. gekrönt.
Die Unabhängigkeit, welche sie im Studium und in der darauf folgenden Assistenzzeit geniessen konnte, wollte sie auch im Beruf nicht missen. Daher gründete sie zusammen mit ihrem späteren Ehemann direkt nach der Studienzeit ein Beratungsunternehmen. Seit 1999 arbeitet sie als Strategie- und Organisationsberaterin und war viele Jahre Dozentin an verschiedenen Hochschulen. Sie ist Mitglied diverser Verwaltungsräte und hat im Rahmen dieser Tätigkeit 2007 Barbara Rigassi kennengelernt und mit ihr die Idee von GetDiversity entwickelt. Michèle Etienne ist Mutter von zwei Kindern und verbringt ihre Freizeit am liebsten zusammen mit der Familie in den Bergen.
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