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Thinktank – Irritationen – Ökumene

Newsletter der Katholischen Kirche im Kanton Zürich
Grüss Gott Zürich
11.01.2019
Aschi Rutz, Informationsbeauftragter Synodalrat
Liebe Leserin, lieber Leser

Ich wünsche Ihnen allen es guets Neuis! Verbunden mit dem Segen, der von Sternsingern zwischen Weihnachten und dem Dreikönigstag mit Kreide auf viele Haustüren geschrieben worden ist: 20*C+M+B+19.

Mit was beginnen im Neuen Jahr? Warum nicht mit der Gründung einer Denkfabrik in Zeiten grosser Irritationen. So geschehen Anfang dieser Woche, wo im Tages-Anzeiger CVP-Präsident Gerhard Pfister und Béatrice Acklin, Theologin, Studienleiterin an der Paulus Akademie und Freiburger FDP-Lokalpolitikerin, mit dem Thinktank «Kirche/Politik» die Kirchen in die Pflicht nehmen wollen. Hintergrund: Pfister und Acklin sowie Gleichgesinnte sind irritiert ob politischer Stellungnahmen der Kirchen und möchten diesen aufzeigen, wie sie sich einbringen sollten. Ihre Kurzformel: Ethik statt Moral! Das gibt zu reden.

Zu einer diametral anderen Schlussfolgerung kommt etwa der Theologe und Ethiker Markus Arnold in unserem Blog: «Mehr Moral täte allen gut!» Kirchen seien keine Trostanstalten und kümmerten sich nicht einfach nur um individuelles Leiden, ist er überzeugt. Vielmehr sei gerade die katholische Kirche aufgrund ihrer Soziallehre verpflichtet, Stellung zu beziehen. «Politik ist kein Privileg von politischen Parteien. Die Akteure der Zivilgesellschaft haben das Recht und die Pflicht, sich ebenfalls einzumischen. … Dabei beten die Kirchen nicht Parteiparolen nach, können aber je nach Sachfrage zu ähnlichen Schlüssen kommen wie einzelne politische Parteien, was deren Gegner naturgemäss erbost.»

Ohne den Thinktank beim Namen zu nennen, haben zwei weitere Kirchenleute, welche mit ihren Stellungnahmen im Fadenkreuz von Pfister und Acklin stehen, unmissverständlich klargemacht, was sie vom politischen Maulkorb halten. Es sei ihre Aufgabe, so Bischof Felix Gmür und Grossmünsterpfarrer Christoph Sigrist am ökumenischen Gipfeltreffen im Landesmuseum vom Dienstag, hinzustehen, sich bei gesellschaftlichen und politischen Themen einzubringen und sich das Wort nicht verbieten zu lassen.

Der Basler Bischof: «Die Kirchen dürfen ihr Wirken nicht auf die Feier von Gottesdiensten und die soziale Arbeit einschränken lassen, Christen müssen auch politisch Stellung nehmen.» Dabei werde sich die Kirche aber nicht an einem politischen, sondern am Glaubens-Bekenntnis orientieren. Das Glaubensbekenntnis könne nur politisch ausgelegt werden, doppelte der Grossmünsterpfarrer nach: «Ich wehre mich gegen Politiker, die mir politische Aussagen verbieten wollen.»

Lassen wir den neuen Thinktank doch mal mal arbeiten. Oder wie es mein Kollege Simon Spengler biblisch auf den Punkt bringt: An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen!

Ob sich ein Thinktank an folgende Irritation heranwagen würde, ist zu bezweifeln. Drei Kardinäle äussern sich innerhalb von rund drei Wochen zu Intrigen gegen den Papst. Ihre Einschätzungen könnten nicht unterschiedlicher sein.
Gestern überrascht kath.ch mit folgender Nachricht: Der Deutsche Kardinal Walter Kasper sei überzeugt davon, dass Papstgegner die Missbrauchsskandale in der katholischen Kirche nutzen wollten, um Papst Franziskus zu stürzen: «Es gibt schon Leute, die einfach dieses Pontifikat nicht mögen, und die wollen das so schnell wie möglich beenden und wollen sozusagen ein neues Konklave haben.» Im gleichen Beitrag beschuldigt der US-amerikanische Kardinal Raymund Leo Burke Papst Franziskus, Verwirrung zu stiften. Einen Rücktritt wolle er nicht fordern. Es treffe aber zu, dass aus Sicht früherer Theologen ein Papst, der von seinem Amt vor allem in dogmatischer Hinsicht von der Kirchenlehre abweiche, «sich also der Häresie schuldig macht, automatisch aufhört, Papst zu sein».
Und was antwortet unser Schweizer Kardinal Kurt Koch auf die Frage «Um den Vatikan ranken sich viele Legenden. Ist wirklich alles so verworren und intrigant?» an Weihnachten dem Sonntagsblick? «Natürlich gibt es Probleme – auch hier leben Menschen. Was ich hingegen immer wieder in Medien lese, dass es Intrigen und eine starke Opposition gegen Papst Franziskus geben soll, erlebe ich so nicht. Es gibt gewiss verschiedene Meinungen auch unter den Kardinälen, die loyal im Dienst der Kirche und im Auftrag des Papstes arbeiten.» Soviel zu Loyalität und Vertuschung von kirchlichen Würdenträgern.

Zum Schluss gönne ich mir noch einen Ausblick zur Ökumene: Der Blogbeitrag zur gelebten Ökumene der reformierten Pfarrerin und Spitalseelsorgerin Barbara Oberholzer hat mich traurig gestimmt. Ich teile mit ihr die Erfahrung, dass vor 10, 15 Jahren das ökumenische Miteinander in einer offeneren Atmosphäre stattfand. Allerdings stelle ich die auf verschiedenen Handlungsfeldern von Ängstlichkeit und/oder Desinteresse geprägte Ökumene bei beiden Schwesterkirchen fest.

Umso erfreulicher, wenn die katholische und reformierte Kirche an diesem Wochenende an der Fest- und Hochzeitsmesse wiederum mit einem gemeinsamen Stand Präsenz markieren. Wirklich speziell und einmalig, wenn im Rahmen von 500 Jahre Reformation im Grossmünster Generalvikar Josef Annen und Kirchenratspräsident Michel Müller am übernächsten Sonntag dem ökumenischen Festgottesdienst vorstehen werden. Und sehr gespannt bin ich auf den Auftritt des emeritierten Weihbischofs Peter Henrici in zehn Tagen bei der Vorstellung seines neuen Buches, wo er sich vielleicht auch dazu äussert, wie die nahende Bischofswahl in Chur die Ökumene beeinflussen wird.

Der Blick aus dem Fenster präsentiert mir eine wunderschöne Winterlandschaft, die es zu geniessen gilt: Gehen Sie raus in den Schnee, über Wiesen und Felder und durch den Wald. Spüren Sie die anregende Kälte und wärmen Sie sich im Kreise von Familie, Freunden und Kollegen mit einem Glühwein. Was aber noch lange nicht mit einem Thinktank zu tun hat!

Ich wünsche Ihnen ein gesegnetes Wochenende und grüsse Sie herzlich

Aschi Rutz


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