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Weihnachten + jenseits im Viadukt + Drewermann
Newsletter der Katholischen Kirche im Kanton Zürich
Grüss Gott Zürich
14.12.2018
Simon Spengler, Bereichsleiter Kommunikation und Kultur
Liebe Leserin, lieber Leser
„Gaudete in Domino semper“, Freut euch im Herrn allezeit, so beginnt der Eröffnungsgesang der klassischen katholischen Liturgie am dritten Adventssonntag. Deshalb heisst er eben „Gaudete-Sonntag“. Da wollen wir doch folgen und das Thema Freude ins Zentrum unseres freitäglichen Newsletters stellen, sozusagen als Vorfreude. Freude kann man nie genug haben und sollte sie allezeit ausstrahlen, wobei wir als Kirche durchaus noch Luft nach oben haben – und ich als notorischer Brummbär sowieso.
 
Ich freue mich jedenfalls auf Weihnachten, nicht zuletzt auch auf Geschenke. Genauso freue ich mich aber auch darauf, andere zu beschenken. Weihnachten ohne Geschenke ist nicht Weihnachten. Da mögen mir noch so viele moralinsaure Predigerinnen und Prediger die Lust aufs Geschenke-Kaufen in weihnachtlich geschmückten Strassen vergällen wollen, bei mir haben sie keinen Erfolg. Und wenn ich den Satz höre: „Wir schenken uns schon lange nichts mehr, wir haben ja alles!“ dreht es mir den Magen rum und es reizt mich, gerade extra ein kleines Geschenk für diesen Menschen zu suchen. 
Foto: Sigismund von Dobschütz
„Menschen verlernen das Schenken“, klagte schon vor fast 70 Jahren Theodor W. Adorno in den „Minima Moralia“. „Wirkliches Schenken“, schreibt dieser marxistisch-jüdische Agnostiker, „hatte sein Glück in der Imagination des Glücks des Beschenkten“. Und wer dazu unfähig würde, „macht sich zum Ding und erfriert“. Diese Erkenntnis teilt Adorno übrigens mit dem Dichter des Eröffnungsgesangs des Gaudete-Sonntags. Der geht nämlich so weiter: „Eure Güte werde allen Menschen zuteil.“ Schenken können und sich beschenken können lassen, das schenkt Freude und macht den Menschen aus.
 
Natürlich, es gibt all den Kitsch und Kommerz, aber lassen wir uns davon nicht abhalten. Kitsch gibt es übrigens auch in der katholischen Liturgie. Am Gaudete-Sonntag wird bzw. wurde zu älteren Zeiten nämlich das rosarote Messgewand aus dem Schrank geholt, wie auch am Laetare-Sonntag in der Fastenzeit. Ein eigenes Messgewand nur für zwei Sonntage im Jahr, dazu dieses kitschige rosarot, das hat mich schon als Ministranten-Zögling irgendwie irritiert.
Irritationsgefahr droht auch bei der zur Tradition gewordenen Weihnachtsinstallation im jenseits im Viadukt. Irritation vor allem für Jingle-Bells- und Stille-Nacht-Romantiker. Auf den ersten Blick eine Installation von wunderschönen Laternen mit traditionellen Weihnachtssymbolen. Der Stern von Bethlehem, Tiere um den Stall, Palmen in der Wüste, demütige Könige, Engel in den Lüften – also alles, was Weihnachten an Symbolen so hergibt. Wirklich schön!
Installation und Bild: Fiona Knecht
Fast zu schön. Gebrochen wird das Bild durch aufgedruckte Schlagzeilen in Boulevard-Manier: „Der Himmel über Bethlehem blieb dunkel“, also nix mit Stern, auch kein Engelsgesang, nicht mal Hirten auf dem Felde, keine Könige, kein Stall und Maria eine „Teenie Mutter“. Die süsse Weihnachtsgeschichte wird kräftig zerzaust. Alles nur Fake News? Nein, natürlich nicht, aber vieles ganz anders. Wer die Irritation nicht scheut, hat die Chance, freudig den Kern dieser Geschichte neu zu entdecken.
Vorweihnachtliche Freude schenkt auch der Adventsbus, der nun schon im fünften Jahr durch Winterthur tourt. Die im Bus vorgelesenen Adventsgeschichten von kleinen und grösseren Winterthurern Autorinnen und Autoren erfreuen seit Jahren die Mitreisenden. Wem die Zeit für eine Fahrt im Adventsbus nicht reicht, kann die schönsten Geschichten auch im Jubiläumsbuch nachlesen. Das Buch darf natürlich auch geschenkt werden.

Und dann erreicht uns, der Newsletter war schon versandbereit, eine wirklich frohe Nachricht, dazu von einem Bischof! Nein, kein Bischof aus der Schweiz, das wäre dann doch zu schön. Aber ein Oberhirte aus dem hohen Norden. Der Hildesheimer Bischof Heiner Wilmer rehabilitiert den Kirchenkritiker Eugen Drewermann. Der sei „ein von der Kirche verkannter Prophet“, speziell erwähnt Wilmer Drewermanns Buch „Kleriker“. Wie zu biblischen Zeiten bräuchte die Kirche auch heute Männer und Frauen, „die uns Bischöfen auf die Füsse treten, und mag das noch so wehtun.“  Man erinnere sich: Drewermann verlor vor rund 25 Jahren zuerst seinen Lehrstuhl, wurde dann vom Priesteramt suspendiert und trat 2005 völlig desavouiert aus der Kirche aus. Dass jetzt ein Bischof so über ihn spricht, ist schier unglaublich. Dass dieser Bischof unter seinen Mitbrüdern in der Minderheit ist, muss nicht eigens betont werden.
 
„Missbrauch von Macht steckt in der DNA der Kirche“, so Bischof Wilmer weiter. Da stockt mir der Atem: Hiess es doch immer, die DNA der Kirche sei das ewige Heil, so bekennt jetzt ein Oberhirte, auch die ewige Verdammnis lauere in den Strukturen der Kirche. Und er fordert Gewaltenteilung, mehr Mitbestimmung und Kontrolle der Macht. Er spricht der Hierarchie sogar das Recht ab, allein zu bestimmen, was ‚katholisch’ sei: „Wir sind nicht die katholische Stiftung Warentest.“ Wow, starke Worte. Endlich mal kein bischöfliches Wischiwaschi und pseudo-zerknirschtes Herumgeeiere. Danke, Bischof Heiner!
 
Hier können Sie sich übrigens den Eröffnungsgesang zu diesem Sonntag im Original anhören, gesungen von Mönchen der französischen Abtei Solesmes. Damit wünsche ich Ihnen auch im Namen des ganzen Kommunikationsteams einen frohen Gaudete-Sonntag. 
 
Simon Spengler
 

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