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Zwingli + Bischof Felix Gmür + Bischof Vitus Huonder

Newsletter der Katholischen Kirche im Kanton Zürich
Grüss Gott Zürich
25.01.2019
Simon Spengler, Bereichsleiter Kommunikation und Kultur
Liebe Leserin, lieber Leser
Eine anstrengende Woche geht zu Ende. Anstrengend vor allem wegen des belastenden Wechselbads der Gefühle, in das wir Katholikinnen und Katholiken wieder geworfen wurden.
 
Der freudige Höhepunkt soll zuoberst stehen, der ökumenische Gottesdienst am Sonntag im Grossmünster, dem Wahrzeichen der Zürcher Reformation, zur Eröffnung des Zwingli-Jahrs (eindrückliche Momente hier im Video). Ich danke Kirchenratspräsident Michel Müller und Generalvikar Josef Annen für dieses wichtige Signal.
Foto: Gion Pfander 
Zwingli selbst hat sicher im Himmel mitgefeiert. Sein Kampf gegen die damaligen Kirchenstrukturen war ja kein Selbstzweck, sondern er wollte das Wort Gottes, die Botschaft der Bibel wirkmächtig in die Welt tragen. Alles, was daran hinderte, sollte niedergerissen werden – was ihm nachhaltig gelang (auch wenn einiges zu Bruch ging, was durchaus wertvoll war).
 
Heute ist die Zerrissenheit der Kirchen ein gewaltiges Hindernis, die Botschaft des Evangeliums glaubwürdig in der modernen Welt zu verkünden. Beide Konfessionen sind hier eine Minderheit, auch wenn das noch nicht alle gemerkt haben. Aber beide sind weiterhin gerufen, Salz der Erde zu sein – nicht, die Erde zu beherrschen. Hoffen wir, dass das ökumenische Zeichen Auftakt für gemeinsame mutige Taten wird. Jedenfalls haben beide Kirchen Grund genug, sich an Zwingli zu erinnern.
Ärgerlicher dann eine Breitseite des Tagesanzeigers, welcher alte und längst bekannte Kirchenaustritte einiger SVP-Exponenten zu einer neuen „Story“ aufbläht (Artikel hinter der Bezahlschranke). Welche Hidden Agenda der früher mal liberale Tagesanzeiger damit verfolgt bzw. in welche politische Strategie er sich einspannen lässt, darüber kann man nur spekulieren. Mutig antwortet Synodalratspräsidentin Franziska Driessen-Reding, die sich von keiner Partei und keinem „Thinktank“ den Mund verbieten lässt und meint, zu Flüchtlingsfragen könne sich die Kirche „nicht oft genug verlauten lassen“. Kritik von links oder rechts hin oder her.
 
In die Debatte um Kirche und Politik schaltet sich in unserem Blog auch der katholische Theologe und langjährige Kommunikationsleiter von Caritas Schweiz ein, Odilo Noti ein. Nötig sei nicht nur die politische Kompetenz von Kirchenleuten zu erhöhen, sondern auch die „theologisch-kirchliche Kompetenz von Politikern“, nicht zuletzt von jenen mit dem „C“ im Namen.
 
Köstlich zum Thema auch der „Preis der Republik“ an SVP-Politikerin Natalie Rickli – so viel Spass darf sein.
Das Belastende kam dann Mitte Woche. Das Desaster um den wegen Missbrauch an Jugendlichen verurteilte Priester, welcher in Riehen BL um ein Haar wieder Pfarrer geworden wäre, bestimmte erneut das öffentliche Bild unserer Kirche. Wieder einmal war es erst der Druck der Medien, auf den die Verantwortlichen reagierten. Bischof Felix Gmür versuchte mit einer Pressekonferenz und einem Auftritt in 10vor10 den Befreiungsschlag. So richtig gelang er nicht.
 
Sein Bekenntnis, jeder Mensch verdiene eine zweite Chance, verdient Respekt. Aber muss „zweite Chance“ oder „Resozialisierung“ (wie der Bischof im TV sagte) gleich eine verantwortungsvolle Leitungsfunktion in einem öffentlichen Amt sein? Ich möchte auch nicht in des Bischofs Haut stecken, er war im Dilemma. Aber er hat Ja gesagt und dem Priester die Wählbarkeit attestiert. Er hätte auch Nein sagen können. Warum tat er es nicht, obwohl er über alles informiert war?
 
Klar, die Pfarrwahlkommission der Kirchgemeinde war verblendet (geleitet übrigens von einem gewissen Anwalt Suter, der das Bistum Basel schon im Fall Röschenz ins Elend geritten hatte); der betroffene Priester uneinsichtig und wortbrüchig; die Gemeindemitglieder verrannt; der Informationsfluss zwischen kirchlichen und staatskirchlichen Ebenen nicht sauber geregelt. Die verschiedenen Schuldigen benannte der Bischof offen. Aber: Welche Verantwortung übernimmt der oberste Dienstherr selbst?  Dazu schwieg er.
 
Für mich stellen sich im Nachgang vor allem zwei Fragen:
1) Wie verzweifelt muss die Lage sein, wenn für kirchliche Leitungspositionen wie dem Pfarr-Amt letztlich das Kriterium „Weihe“ wichtiger ist als intellektuelle, soziale, psychische  und kommunikative Kompetenz? Welche Konsequenzen wären zu ziehen?
2) Wie muss Kirche mit Tätern umgehen unter den Aspekten von Barmherzigkeit und Gerechtigkeit? Dazu bedenkenswerte Überlegungen über „Zuwendung statt Strafe“ des deutschen Theologen Eugen Drewermann.
Zum Schluss dann noch der Tiefpunkt: Bischof Vitus Huonder bezieht nach dem Rücktritt an Ostern seinen Alterswohnsitz im Knabeninstitut der Pius-Brüder in Wangs SG. Die Medien ergingen sich vor allem in süffisant-zweideutigen Assoziationen zu Bischof, Brüdern und Knaben, kritische Nachfragen zu dieser Züglete blieben aus. Dabei brandmarken Huonders Brüder im Geiste den Bischof von Rom als Antichrist, Ökumene lehnen sie rundweg ab, ebenso die Religionsfreiheit, Juden sind für sie Christusmörder. Früher nannte man so was Häresie. Es geht also um wesentlich mehr als um Freude an lateinischer Liturgie!
Foto: Georges Scherrer, kath.ch 
Einmal mehr vernebelnd die Erklärung aus Chur, die auch niemand hinterfragte: Der Ortswechsel stünde „in Zusammenhang mit dem Auftrag der Glaubenskongregation an Bischof Vitus“, den Kontakt zu den Schismatikern zu halten. Kontakt halten und unters gleiche Dach ziehen, das sind aber doch zwei verschiedene paar Schuhe! Abgesehen von der Frage, ob es diesen „Auftrag“ wirklich in dieser Form gibt.
 
Mir zeigt das späte Coming-Out des Bischofs vor allem dies: Er steht jetzt zu dem was, was er immer war. Und das ist gut so.
 
Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag, befreit von Last und Mühsal.
Simon Spengler

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