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Büssen + beten + danken

Newsletter der Katholischen Kirche im Kanton Zürich
Grüss Gott Zürich
14.09.2018
Simon Spengler, Bereichsleiter Kommunikation und Kultur
Liebe Leserin, lieber Leser
Frisch aus den Ferien zurück steht mir persönlich der Sinn nach goldenem Spätsommer, reifen Früchten an meinen übervollen Obstbäumen im Garten, die zum Teil schon im Schnapsfass still vor sich hingären.
 
Aber das reale Leben gönnt uns im Moment keine Träumereien. Wieder ein grauenhafter Missbrauchsbericht, diesmal aus Deutschland. Wieder tausende Täter, tausende Opfer, abertausendfaches Leid und Verletzung. Wieder muss in den USA ein Bischof wegen Missbrauch zurücktreten, in Indien demonstrieren Nonnen gegen einen bischöflichen Vergewaltiger. Der Papst trommelt alle seine weltweiten Spitzenmanager zu einem globalen Krisengipfel Anfang nächsten Jahres zusammen. Alles in dieser Woche.
 
Hört das denn nie auf? Das frage ich mich spontan, Sie wahrscheinlich auch. Und der berühmte deutsche Missbrauchs-Experte, der Jesuit Klaus Mertes, antwortet klipp und klar: „Nein, das hört nicht auf!“ Die Aufarbeitung der jahrzehntelangen Vertuschungen habe ja in Osteuropa, Afrika und Asien noch nicht einmal begonnen. Mertes tritt übrigens am Sonntag in Zürich im Rahmen des aki-Jubiläums auf. Es dürfte spannend werden.
Wir begehen am Sonntag den Bettag. Eigentlich ja Dank-, Buss- und Bettag. Für uns sollte im Moment wohl die Busse an erster Stelle stehen. Busse aber nicht nur für die Spitze des Eisbergs, die Vertuschung der verbrecherischen Missbräuche von Kindern. Sondern Busse für die vielen Vertuschungen im Alltag.
Tagtägliche Vertuschung von alldem, was nicht sein soll, aber trotzdem ist: die als „Haushälterin“ oder „Sekretärin“ getarnten Partnerinnen von Priestern; die homosexuellen Partnerschaften, zu denen weder schwule Priester noch Pastoralassistenten stehen dürfen. Selbstredend auch lesbische Theologinnen nicht. Sie alle müssen sich täglich verleugnen. Geschiedene, die kirchlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die in „irregulären Beziehungen“ leben. Alles wird vertuscht, um das Bild zu wahren. Vertuschung liegt uns offensichtlich in den Genen! Und so lange die Kirche diesen Sumpf nicht trockenlegt, dessen Bodensatz ein krudes und menschenfeindliches Verständnis von Sexualität ist, so lange ist ihre Busse nicht glaubwürdig.
In den Ferien besuchte ich in Frankreich ein kleines Museum für sakrale Kunst. Ein Bild von Jean-Georges Cornelius (1880-1963) geht mir nicht mehr aus dem Sinn, passend zum heutigen Fest „Kreuzerhöhung“. Es zeigt einen Bischof, der den toten Jesus fest umarmt, von hinten schaut ein Mönch diesem innig-verzückten Tun zu. Homoerotische Phantasie in Reinkultur. Natürlich geistig verklärt. 
Für mich Sinnbild für das „krankhafte System“, wie es der deutsche Theologe und Psychotherapeut Wunibald Müller formuliert, der in seiner Praxis hunderte Priester therapeutisch begleitete. Nach seiner Erfahrung sind „weit mehr als 20 Prozent“ aller Priester homosexuell. Männer, die täglich wertvolle Seelsorgearbeit leisten, die es aber gar nicht geben darf. Die oft ihre Sexualität nicht ausleben, manche schon. Die aber alle nicht offen zu ihren Gefühlen stehen dürfen. Die nach offiziellen Regeln gar nicht hätten geweiht werden dürfen. Denen jetzt von gewissen Bischöfen die Schuld am Missbrauchsskandal in die Schuhe geschoben wird.

Wann hören wir als Kirche mit dieser unerträglichen Doppelmoral auf? Mit dem Ausschluss der Frauen? Mit all dem tagtäglichen Verleugnen, Vertuschen und Verletzen, auch in unserem Bistum, auch in Zürich? Wann darf sich ein Priester, gar ein Bischof, ohne Angst outen und sagen: „Ich bin schwul und das ist gut so?“
Der erste Schritt der Busse ist die Umkehr. Auch Weinen und Wehklagen. Um im Gebet die Kraft zu finden, trotzdem wieder neu anzufangen. Weil die Welt auch künftig die Botschaft des Evangeliums dringend braucht. Nicht, weil die Kirche gerettet werden müsste. Nein, weil wir es den täglichen Opfern in unserer zerrissenen Welt schuldig sind. In erster Linie den Opfern, die wir als Kirche selbst verschulden.
Den Dank will ich nicht vergessen. All den Christinnen und Christen - egal ob Laie, Mönch, Nonne oder Priester -, die sich für ihre Mitmenschen einsetzen, durch ihr Leben zeigen, was Kirche ist und sein soll. Auch in Zürich. Beim Rundgang #WoEsUnsBraucht können wir ihnen begegnen.
Als dienende Kirche dürfen wir auch feiern. An vielen Orten an diesem Bettag, speziell dieses Jahr in Winterthur. Feiern wir das Leben, die Hoffnung, die Gerechtigkeit - und die Liebe.
 
Ich wünsche uns allen einen gesegneten Dank-, Buss- und Bettag.
Simon Spengler
Simon Spengler, Aschi Rutz, Kerstin Lenz, Arnold Landtwing

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