Copy
Missbrauchte Dienerinnen + Herren + starke Frauen
Newsletter der Katholischen Kirche im Kanton Zürich
Grüss Gott Zürich
08.03.2019
Simon Spengler, Bereichsleiter Kommunikation und Kultur
Liebe Leserin, lieber Leser
„Diese Männer! Was verstehen sie von uns Frauen?“
Das Zitat der Dichternonne Silja Walter twitterte zum heutigen Tag der Frauenrechte der frühere Einsiedler Abt Martin Werlen (#siljawalter). Von Nonnen wird hier noch zu reden sein, von Frauen erst recht, und – gut katholisch – schreibt auch in diesem Newsletter ein Mann über Frauen.
Gemeinsam für starke Frauen - Motiv der Fastenopferkampagne. 
Fast zeitgleich mit dem Frauentag startete am Aschermittwoch die ökumenische Fastenkampagne „Für starke Frauen. Gemeinsam für eine gerechte Welt“, und der katholische Frauenbund lanciert die Aktion Care-Tage. Damit macht die grösste Schweizer Frauenvereinigung auf die enormen Leistungen von Frauen in der täglichen Fürsorge in Familien, Vereinen und Gemeinden aufmerksam. Von einer gleichwertigen Rollenteilung sind wir noch planetenweit entfernt, und zwar in der ganzen Gesellschaft! Wir kehren heute aber vor unserer eigenen Tür, der von Mutter Kirche.
Hier gilt es aber nicht nur angesetzten Staub wegzuwischen und das letzte Herbstlaub vor der Tür zusammenzukehren, um das hehre Haus wieder auf Vordermann zu trimmen. Nein, ganze eklig stinkende Sümpfe gilt es trockenzulegen, Berge von Unrat der übelsten Sorte zu entsorgen. Nicht nur vor dem Haus, sondern mitten drin!
 
Etwas vom Widerlichsten, das ich seit Jahren gesehen habe, bringt der aktuelle Dok-Film „Gottes missbrauchte Dienerinnen“ ans Licht. Was hier in anderthalb Stunden an Sauereien, Verbrechen und verlogenster Doppelmoral zum Vorschein kommt, ist selbst für einen boulevard-gestählten Medienmenschen wie mich kaum zu ertragen. Einerseits gehört diese Dokumentation meiner Meinung nach zum absoluten Pflichtprogramm für alle in der Kirche Tätigen, aber ich muss auch davor warnen: Man möchte danach nur noch kotzen. Diese sexuelle und spirituelle Ausbeutung von Ordensfrauen durch Kleriker, nicht in Einzelfällen, sondern systematisch, zieht einem den Boden unter den Füssen weg.
Zu sagen, „bei uns aber nicht“ und mit dem Finger nach Afrika oder Asien zu zeigen, hilft nicht. Der Film startet mitten unter uns, in Fribourg, mit zwei Dominikanermönchen (übrigens auch leibliche Brüder), die in der Schweiz und vor allem in Frankreich über Jahrzehnte ihr Unwesen trieben und im „Ruf der Heiligkeit“ starben. De facto heiliggesprochen hat eines dieser Sex-Monster übrigens an dessen monströser Beerdigung jener Kardinal Barbarin, der gerade in Frankreich im Fall eines pädophilen Priesters wegen Vertuschung verurteilt wurde. Sonntag nächste Woche wird auch SRF den Film ausstrahlen – auf entsprechende mediale Begleitmusik müssen wir uns gefasst machen. Der Film endet übrigens in Rom...
Wussten Sie, dass es in Asien eine Gemeinschaft von Ordensschwestern gibt (natürlich von einem Bischof gegründet), deren edle ‚Berufung’ es ist, Bischöfen und anderen Prälaten zu dienen? Das ist kein Witz! Rund um den Erdball werden die Schwestern ausgeschickt, um in bischöflichen Residenzen zu kochen, das Bett der hohen Herren zu beziehen und ihr Klo zu putzen – auch in der Schweiz! Und man(n) redet den Schwestern ein, das sei der Wille Christi und ihr ureigenstes ‚Charisma’. Drastischer lässt sich nicht verdeutlichen, was Kirchenfürsten wirklich meinen, wenn sie schwülstig über die dienende Jungfrau Maria schwadronieren.
Wie kommt die Kirche je wieder aus diesem Sumpf heraus? Schafft sie das überhaupt? Ich weiss es nicht. Aber wenn, dann ganz sicher nicht ohne echte Gleichberechtigung auf allen Ebenen und in allen Ämtern. Ohne diese ‚kopernikanische Wende’ bleibt`s beim oberflächlichen Staubwischen, der Dreck hinter der Fassade bleibt. Wieder sind es Ordensfrauen, die vorausgehen, so die Benediktinerin Simone Buchs, die sich traut auszusprechen, was viele Glaubensschwestern nur denken: «Es sollte ein Nebeneinander von Priesterinnen und Priestern geben.» Besser wäre vielleicht noch ein Miteinander.
 
Die bösen Kommentare, die sich die mutige Ordensfrau in den Social Media anhören muss, zeigt aber noch ein anderes Problem: Die ungerechte Rollenteilung ist nicht einfach den Klerikern anzuhängen, sie ist im „Volk Gottes“ genauso einbetoniert. Gleiches beim Thema Vertuschung: Nicht selten sind es Laien in Pfarreien und Kirchenpflegen, die den eigenen Pfarrer gegen Massnahmen der kirchlichen Vorgesetzten in Schutz nehmen.
Was Schwester Simone sagt, wird immer häufiger auch von Bischöfen ausgesprochen. Endlich! So von Gerhard Feige in Magdeburg, der offen zugibt, hier gelernt und umgedacht zu haben: Das Frauenpriestertum „rigoros abzulehnen und lediglich mit der Tradition zu argumentieren, überzeugt nicht mehr“. Gleich geht es auch anderen Oberhirten, aber natürlich gibt es auch das Gegenteil. So unser Nuntius in Bern, der wacker versucht, das einstürzende Dogmengebäude der Männerherrschaft in der Kirche zu retten. Auch er hat zahlreiche Mitstreiter.
 
Das Gespenst einer Kirchenspaltung taucht immer öfter auf. Aber darf uns die Angst davor lähmen? Nicht lähmen lassen sich kirchlich engagierte Frauen im Bistum Münster. Sie rufen auf zum Streik: Ab Montag wollen sie für eine Woche keine Kirche mehr betreten und stattdessen eigene Gottesdienste vor der Kirche feiern.
Nächsten Samstag lädt der Seelsorgerat zu einer Pastoralkonferenz ein: „Christliche Werte – echt jetzt?“ Unter anderen mit der ehemaligen Nationalrätin Barbara Schmid-Federer wird diskutiert, wie wir unsere Werte in die Gesellschaft einbringen können. Dazu muss Kirche erst mal selbst glaubwürdig sein. Es gibt also reichlich Diskussionsbedarf (Anmeldung noch bis Dienstag möglich).
 
Dieser Sonntag wird trüb und nass. Warum also nicht im Kunstmuseum die Führung unter dem Thema „Verwandlung“ besuchen? Neben einer Installation von Joseph Beuys steht diesmal das Bild der Grablegung Christi eines unbekannten mittelalterlichen Meisters im Zentrum. Auch hier eine interessante Rollenteilung ...
 
Uns bleibt nur dies: nicht austreten, sondern auftreten! Ich wünsche allen Lesern und vor allem Leserinnen viel

Wir freuen uns über Ihre Rückmeldungen an: newsletter@zhkath.ch
Sie möchten unseren neuen Newsletter weiter empfehlen?
Bitte schicken Sie an interessierte Personen den folgenden Link:
http://www.zhkath.ch/newsletter