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unglaublich + sprachlos + und ich?

Newsletter der Katholischen Kirche im Kanton Zürich
Grüss Gott Zürich
31.08.2018
Aschi Rutz, Informationsbeauftragter Synodalrat
Liebe Leserin, lieber Leser
Im Wissen, dass gerade auch jetzt viel Gutes in der katholischen Kirche passiert, will ich mich auf den Krieg im eigenen Haus fokussieren.
Der Kirchen-Skandal in den Vereinigten Staaten – 300 Priester sollen über tausend Minderjährige sexuell missbraucht haben – hat dem Image der katholischen Kirche einmal mehr aufs Ärgste geschadet. Seit letztem Sonntag tobt ein eigentlicher Machtkampf in der Weltkirche. In einem elfseitigen Schreiben fordert Erzbischof Carlo Maria Viganò, vormaliger Nuntius in den Vereinigten Staaten, rund ein Dutzend Kardinäle und Bischöfe sowie den Papst zum Rücktritt auf.

Viganòs Vorwurf an ihre Adresse und an zahlreiche weitere Geistliche: Sie hätten als Mitwisser das «unmoralische Treiben» des späteren Washingtoner Erzbischofs McCarrick gedeckt und eine Homosexuellen-Lobby in der Kirche gebildet respektive gefördert. Ein beispielloser, ungeheuerlicher Vorgang, der eigentlich nur sprachlos macht.
Trotzdem haben sich inzwischen einige dazu geäussert – ich tue es hiermit ja auch - viele schweigen. Für alle gilt: Die Wahrheit kennt niemand. Tatsache ist, dass Papst Franziskus von einem fragwürdigen Ankläger (Viganò) frontal attackiert wird und von seinen Gegnern vom Thron gestossen werden soll. Den meisten Beobachtern scheint plausibel, dass wir Zeugen einer konzertierten Aktion gegen Franziskus sind, der den Geist des Klerikalismus als Wurzel für den Missbrauch und die meisten Probleme in der katholischen Kirche geisselt. Als Papst wandte sich Franziskus schon früher gegen den Klerikalismus. Dieser beruhe auf einer falsch verstandenen Autorität, Kleriker würden sich anderen überlegen fühlen und sich so von den Menschen entfernen.
Die Ablehnung des Klerikalismus trifft den Kern des aktuellen Kampfs: Es geht um Macht. Und da kennen die reaktionären Feinde des Papstes keine Grenzen, verletzen das Gebot der Loyalität und das Päpstliche Geheimnis, operieren mit diffamierenden Kampfbegriffen wie «homosexuellen Netzwerken» oder sonnen sich im Modus der Selbstgerechtigkeit. Was mich beschämt und ärgert ist, dass sich ein im Kanton Zürich im Amt stehender Weihbischof als einer der hemmungslosesten Kontrahenten des Papstes gebärdet. Hatte er sich schon früher mit ein paar anderen Bischöfen öffentlich gegen Franziskus gestellt, wirft er ihm in seiner Klarstellung auf der Webseite des Bistums Chur zu den Missbrauchsfällen und zur Homosexualität implizit Vertuschung vor. Warum er dies tut, ist eine Frage, die er nicht mit seinem «Wahrheitsanspruch» beantworten kann. Denn die Wahrheit kennt auch er nicht.
Man muss davon ausgehen, dass Papst Franziskus nicht immer eine glückliche Hand hatte bei der Personalpolitik. So hat er einige fragwürdige Würdenträger in hohe Ämter berufen und diese erst aufgrund von Untersuchungen im Nachhinein gemassregelt. All dies ist Franziskus sehr wohl bewusst, stellt er sich doch in seinem Brief an alle Christen der Verantwortung, wenn er schreibt: «Mit Scham und Reue geben wir als Gemeinschaft der Kirche zu, dass wir nicht dort gestanden haben, wo wir eigentlich hätten stehen sollen und dass wir nicht rechtzeitig gehandelt haben, als wir den Umfang und die Schwere des Schadens erkannten».
Dass viele ob dieser für die katholische Weltkirche verheerenden Zerfleischung sprachlos werden, kann ich nachvollziehen. Sprachlosigkeit ist aber nicht mit Schweigen gleichzusetzen. So moniert beispielsweise Paul M. Zulehner, österreichischer Priester und einer der bekanntesten Religionssoziologen, dass sich bis heute weltweit erst ein einziger italienischer Bischof vor den Papst gestellt habe. Dies sei ein skandalöses Schweigen. Ein Schweigen, das schuldig mache am Wohl der Kirche. Heute doppelt Michael Meier im Tages Anzeiger nach, wenn er über das «befremdliche Schweigen der beiden Päpste» schreibt. Er ist überzeugt, dass der emeritierte Papst Benedikt XVI. seinen Nachfolger entlasten könnte und fragt: «Warum dementiert er (Franziskus) nicht einfach?» Ich denke, weil es eben nicht so einfach ist: Einiges ist nicht zu entkräften, die Selbstzerfleischung ginge weiter. Hingegen zeigt sich Pater Klaus Mertes überzeugt davon, dass dieses Zerfleischen die Missbrauchs-Aufklärung fördern würde: «Das ist ein Hinweis darauf, dass die Aufklärung vorankommt.»
Die unglaubliche Rücktrittsforderung an Papst Franziskus steht im Raum. Was hat das mit mir zu tun? Meiner Ansicht nach viel. Denn ich mache es mir zu einfach, wenn ich mit dem Finger lediglich in die USA, nach Rom, nach Chur oder auf die Strukturen zeige. Auch wir müssen auftreten, Papst Franziskus in seinem innerkirchlichen Kampf gegen den Klerikalismus unterstützen und dürfen das Feld nicht den Klerikern überlassen. Jede/Jeder in seinem Umfeld. Das braucht nicht nur Mut, sondern auch eine grosse Portion Hoffnung. Auf die Frage der Zeitschrift Aufbruch «Trauen Sie Papst Franziskus zu, dass er kirchenrechtlich Pflöcke einschlägt?», antwortet der deutsche Theologe Eugen Drewermann: «Franziskus vermeidet zu Recht, denke ich, eine Revolution von oben nach unten. Das würde den alten Fehler des monolithischen Machtzentralismus in Rom nur aufs Neue bestärken. Der Papst hofft, dass von unten etwas nachwachsen könnte. … Die Frage ist nicht, was macht ein Papst in Rom, sondern was machen wir selber. Nur dafür sind wir zuständig.»
 
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein lebendiges und gesegnetes Wochenende und einen mutigen Start in die nächste Woche.
Herzlich
 
Aschi Rutz
 
PS: Gehen Sie hin, schauen Sie sich den Papstfilm (nochmals) an, und die Hoffnung stirbt zuletzt!
Simon Spengler, Aschi Rutz, Kerstin Lenz, Arnold Landtwing

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