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Post + Papst + Rose 
Newsletter der Katholischen Kirche im Kanton Zürich
Grüss Gott Zürich
05.04.2019
Arnold Landtwing, Informationsbeauftragter Generalvikariat
Liebe Leserin, lieber Leser
Post hat es diese Woche wahrlich genug gegeben: alltägliche, dicke und berührende. Ganz besonders berührt hat mich der Brief von Stefan Arnold. Mit grosser Betroffenheit schreibt er den missbrauchten Brüdern des Provolo-Institutes. Ob diese Zeilen bei den Angeschriebenen ankommen, wissen wir (noch) nicht. Was wir jedoch sehr genau wissen: Vielen Gläubigen, Seelsorgerinnen und Seelsorgern in unseren Pfarreien geht es ähnlich wie Stefan Arnold. Die fortschreitende Erosion der Glaubwürdigkeit der Kirche bedrückt und belastet sie.

Eine Seniorin schrieb mir kürzlich: «Wie war ich doch in den 60iger Jahren noch stolz, katholisch zu sein und jetzt ist eigentlich nur noch Resignation da. Reformen, die diesen Namen verdienen würden, sind weit und breit nicht in Sicht.» Diese und viele andere Stimmen veranlassten Synodalratspräsidentin Franziska Driessen-Reding und Generalvikar Josef Annen zu einem ungewöhnlichen Schritt. «Papst Franziskus, erneuern wir gemeinsam unsere Kirche!» rufen sie in einem offenen Brief zum gemeinsamen Handeln auf. Die Zeit des Zuwartens sei abgelaufen und den klaren Worten des Papstes müssen nun konkrete Taten folgen.
 
Synodalratspräsidentin Franziska Driessen-Reding und Generalvikar Josef Annen. Foto: A. Landtwing
Neben entschiedenen Massnahmen gegen sexuellen Missbrauch fordern sie einen lebensnahen Umgang mit Sexualität, Gewaltenteilung und Mitverantwortung aller in der Kirche. Ob diese per Express an den Papst übermittelte Post beim Angeschriebenen ankommt, wissen wir (noch) nicht. Was wir jedoch sehr genau wissen: Bei uns liefen die Telefone heiss und die Mailbox füllte sich. Zahlreiche Pfarreiangehörige bedankten sich für die ersehnte Stellungnahme. Es sei ermutigend und wohltuend, diese Stimme der Verantwortlichen in dieser Deutlichkeit öffentlich zu hören. Das Echo einer engagierten Frau steht hier stellvertretend für viele: «Ich freue mich so. Jetzt kann ich wieder erhobenen Hauptes durch die Strassen gehen», um dann noch anzufügen, sie und ihre Kolleginnen seien bereit, zum Wasserschlauch zu greifen und mitzuhelfen, den Brand in der Kirche zu löschen.

Selbstverständlich haben auch kritische Stimmen bei uns Gehör gefunden. Wenn jedoch Vaticannews im Beitrag «Wo brennt es im Bistum Chur?» behauptet, Generalvikar und Synodalratspräsidentin machten die Bischöfe für den Flächenbrand verantwortlich, lässt dies Zweifel an journalistischer Redlichkeit aufkommen - und auch ob der offene Brief wirklich gelesen oder verstanden wurde. Denn: Zu den brandbeschleunigenden Missbrauchstätern gehören nicht nur Bischöfe, sondern auch Priester und Kardinäle. Hirten eben. Bestellt zum Dienst am Evangelium und nicht, um der Kirche zu schaden.
Seit bald 20 Jahren ist Bekämpfen von Missbrauch im kirchlichen Umfeld ein grosses Anliegen der Verantwortlichen in der Schweiz. In dieser Zeit erkannten sie, dass reine Interventionsmassnahmen nicht ausreichen, sondern auch systematische Prävention notwendig ist. Dass 100% aller Fälle der Justiz gemeldet worden sind und seit 1990 gerade mal 7 Übergriffe stattgefunden haben, schreibt Joseph Bonnemain als Sekretär des Fachgremiums «Sexuelle Übergriffe im kirchlichen Umfeld» in einem Leserbrief an die Sonntagszeitung. Die Bemühungen um Prävention werden stetig verstärkt. So erschien diese Woche das gemeinsam vom Bistum Chur und von der Biberbrugger Konferenz erarbeitete Schutzkonzept.
Papst Franziskus hat nicht nur Post aus Zürich bekommen, sondern auch aus dem Vatikan abgeschickt. Anfangs Woche erreichte uns das Nachsynodale Apostolische Schreiben «Christus vivit» (Christus lebt), in dem er sich an die jungen Menschen und an das ganze Volk Gottes wendet. War das Abschlussdokument der Jugendsynode enttäuschend verkompromisst, gibt Papst Franziskus mit seinem Schreiben den Erkenntnissen der Synode jetzt neuen Schwung. Der Papst hört zu. Und wenn er in die «Du-Form» wechselt, ist es, als lauschte ich gerade einem Gespräch von Franziskus mit jungen Menschen. Ohne Verteufelung der heutigen Lebenswelt sucht er das Gute und ermutigt. Selbstkritisch blickt er auch auf die Kirche: «Folglich muss sie demütig zugeben, dass sich einige Dinge ändern müssen, und zu diesem Zweck muss sie auch die Meinungen und sogar die Kritik der jungen Menschen anhören» (Nr. 39). Ein anregender Antwortbrief des Papstes an die Jugend. Wärmstens zur Lektüre empfohlen.
Und weil‘s druckfrisch von heute Morgen ist, gleich nochmals unsere Synodalratspräsidentin. Im frühmorgendlichen Monitoring der bunten Medienwelt lachte sie mir auf dem Display meines Smartphones entgegen. Auf drei Punkte eingedampft fasst die "Schweizer Illustrierte" den offenen Brief zusammen, überreicht ihr dafür die Rose der Woche und bezeichnet sie als Prophetin. Die Rose mag ich ihr herzlich gönnen und das mit der Prophetin ist nix Besonderes – schliesslich haben wir alle durch die Taufe teil am priesterlichen, königlichen und prophetischen Amt Christi. Warum also zuwarten? Die Taufe von damals hat heute Konsequenzen. Lassen Sie uns gemeinsam handeln in der Kirche!
Ich wünsche Ihnen einen gesegneten 5. Fastensonntag.
 
Arnold Landtwing
Informationsbeauftragter Generalvikariat

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