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"Berührungspunkte" – Der Newsletter über Körper, Sexualität und Behinderung. Präsentiert von Charlotte Zach
Foto: Charlotte Zach
Charlotte Zach
studierte Psychologie, arbeitet in der ergänzenden unabhängigen Teilhabeberatung, hat ihre Peer- counseling- Ausbildung abgeschlossen und organisiert als Rollstuhlfahrerin ihren Alltag selbstständig mit Assistenz. Gerade sucht noch oder mal wieder ihren Weg in der Balance zwischen Aktivismus für die eigene Betroffenheit und dem Anspruch, sich dabei nicht selbst auf die Behinderung zu reduzieren. Sie liebt das geschriebene Wort in allen Varianten, ob Essay, Gedicht, Liedtext oder Geschichte und außerdem, die ganz großen Fragen in den kleinen Dingen des Alltags zu finden.

Das große Schweigen und die 2. Pubertät


„Kannst du eigentlich Sex haben?“ –  Diese Frage wird mir regelmäßig gestellt, seit ich ca. 14 Jahre alt bin. Und mit 14 Jahren konnte ich sie noch nicht beantworten. Dafür hat sie mich sehr verunsichert. Wenn man etwas noch nie gemacht hat und wildfremde Erwachsene einen fragen, ob man es denn „noch könne“, fängt man schon an, daran zu zweifeln. Vielleicht können sie es besser beurteilen, als ich?
Jede*r Teenager fragt sich „Wie geht das eigentlich genau?“, „Worauf muss ich achten?“, „Wie muss ich mich bewegen? - hoffentlich mach ich nichts falsch!“ Aber ich habe mich über die Jahre zunehmend gefragt: „Geht das eigentlich mit mir?“, „Gibt es eine Position, die funktioniert?“, „Kann ich mich richtig bewegen? – Hoffentlich funktioniert es überhaupt!“
Die Filme, die ich damals kannte sind voll mit Sexszenen in Missionarstellung oder im Stehen, - beides absolut suboptimale Positionen für mich als Spastikerin. Dazu kamen die zunehmende Unsicherheit mit dem eigenem Körper, seine Entsexualisierung und Verniedlichung durch die Gesellschaft und die gewaltsame Erfahrungen des ungewollten vaginalen Einführens von Gegenständen durch Pflegepersonal gefolgt von Vaginismus (Kolumne zu dem Thema folgt!). – All diese Erfahrungen vermischten sich in mir zu einer zähen dunklen Masse des Zweifelns, die mich lähmte und zugleich auch verstummen ließ. Ich schämte mich für meine Unsicherheit. Ich schämte mich für mein Unwissen. Ich schämte mich für die peinliche Berührung, die ich womöglich bei meinem Gegenüber auslösen würde, würde ich mich ihr*ihm öffnen. Mit zunehmendem Alter schämte ich mich dann auch noch für meine Unerfahrenheit. Obwohl ich in einem sehr progressiven Umfeld aufwuchs, sprach ich das Thema so gut wie nie an, nicht gegenüber meiner Familie und nur selten gegenüber meinen Freund*innen. Ich steckte in einer Sackgasse. Ich hatte Angst, ich könne keinen Sex haben und selbst wenn es physiologisch ginge, bezweifelte ich, dass jemand mit mir Sex haben wollte. Das machte mich unsicher und ich ließ mich auf keine Situationen ein, die zu Sex führen könnten oder entzog mich ihr rechtzeitig. Zu groß die Angst vor dem Moment der Wahrheit und der Blamage, wenn es nicht klappen würde. Gleichzeitig waren diese wenigen Erfahrungen essentiell für mich und mein Selbstwertgefühl.
Dann zog ich von zuhause aus, mit Freund*Innen in eine WG. Und in diesem Jahr habe ich beschlossen, ich werde aktiv etwas tun. Bis dahin habe ich mich als Spielball des Zufalls empfunden. Ich dachte, ich müsse einfach warten, bis es passiert. Oder eben nicht. Doch in diesem Jahr habe ich beschlossen, dass ich die Gestalterin meines Lebens bin und wenn ich wollte, dass etwas passiert, musste ich dafür sorgen und mich vorbereiten. (Kolumne dazu folgt!) Ich war 22.
Als erstes habe ich mich meinen Mitbewohner*Innen geöffnet. Sie waren unglaublich verständnisvoll und unterstützend. Dann habe ich mich mit meinem Körper auseinandergesetzt. Ich habe ihn mir angeschaut. Die Teile, die ich schön fand und habe ausprobiert, wie ich sie noch besser betonen könnte. Und die Teile, die ich nicht schön fand und hab angefangen, sie nicht mehr auszublenden, aber sie auch nicht die schönen Teile überschatten zu lassen. Ich habe mich für ein Kunstprojekt von Studierenden über Sexualität fotografieren lassen. Ich habe Sexstellungen gegooglet. Ich habe geschaut, welche Haltungen,  Bewegungen und Positionen mein Körper kann . Dadurch habe ich mich auch insgesamt nochmal anders kennen gelernt und mich in meinem Körper wohler gefühlt. Und ich habe mich mit meinem Vaginismus auseinandergesetzt. Und dann habe ich mich getraut. Es war wie eine 2. Pubertät.
Mit ihr bin ich aus der Sackgasse herausgekommen. Es wäre leichter gewesen, wäre Sex und Behinderung kein Tabuthema. Hätte es Informationen über das „wie“ gegeben, so wie für Andere in der BRAVO. Hätte ich Vorbilder gehabt, die mir vorgelebt hätten, meinen Körper zu akzeptieren. Hätte ich keine Gewalterfahrung erleben müssen.
Ich bin auch heute absolut keine Sex-Expertin. Das Thema Sex verunsichert mich immernoch mit am meisten von allen Themen rund um das Leben mit Behinderung. Aber ich muss auch keine Sexexpertin sein, um Kolumnen zum Thema Sex und Behinderung zu schreiben. – Im Gegenteil. Vielleicht kann ich mit meinen Erfahrungen anderen Mut machen und auch für das ein oder andere versteckte Thema sensibilisieren, das damit im Zusammenhang steht.
Gleichzeitig kann ich natürlich nur aus meiner Perspektive berichten und mit meiner Behinderung. Und auch, wenn viele Erfahrungen einander ähneln, wird nicht jeder meiner Vorschläge für jede*n funktionieren. Deshalb freue ich mich auch, wenn Ihr Eure Erfahrungen (gern auch anonym) teilt. Für mehr Empowerment!

Eure Charlotte!
 
 

Fundstücke

Liebe mit Laufmaschen

Ein erotisches Literatur- und Kunstprojekt von Jennifer Sonntag und Dirk Rotzsch.


 

Sexualität und Querschnittlähmung: „Der Gang zum Urologen war mir irgendwie zu peinlich.“

André Artless ist seit einem Badeunfall vor über zwanzig Jahren Tetraplegiker. Über das (neue) Entdecken der Sexualität mit einer hohen Querschnittlähmung findet er offene Worte.


 

Video: Because of my Body

Die 21-jährige Claudia hat seit ihrer Geburt hat Spina bifida, im Volksmund als "offener Rücken" bezeichnet. Nach Jahren voller Diskriminierung und Einsamkeit macht sie sich auf den Weg, ihre Sexualität zu entdecken. Ein sogenannter Sexualassistent soll ihr dabei behilflich sein. Doch dann geraten Claudias Gefühle durcheinander...


 

Unwatchable – Datingshows über Menschen mit Behinderung

Kritische Erörterung, warum Menschen mit Behinderung keine eigene Dating-Show im deutschen Fernsehen brauchen, sondern in bestehende Formate inkludiert werden sollten.


 

„Besonders Verliebt“: VOX plant Datingsendung mit Menschen mit Behinderung

VOX hat sich in Kooperation mit Handicap Love vom britischen Fernsehen inspirieren lassen. Dort läuft seit einigen Jahren (offenbar relativ erfolgreich) die Sendung „The Undateables“. Singles mit Behinderung treffen vor laufender Kamera andere Singles, um einen passenden Partner zu finden. Mal ganz abgesehen vom Namen der Sendung (der im Deutschen immerhin ein kleines bisschen Würde bewahrt), erscheint mir das Konzept alles andere als inklusiv.


 

Video: Sexualbegleitung: Liebe ist für alle da

Oliver ist Sexualbegleiter. Ziel einer Sexualbegleitung ist es, unter anderem Menschen mit Behinderung dabei zu unterstützen, ein positives Körpergefühl zu entwickeln und den Weg für eine selbstbestimmte Sexualität zu ebnen. Olivers Entscheidung, 2017 die Ausbildung zum Sexualbegleiter zu machen, beruht auch auf seiner eigenen persönlichen Entwicklung und den damit verbundenen Erfahrungen. Er war in seiner Jugend sehr schüchtern. Darum konnte er in der Pubertät seine eigene Sexualität nicht wirklich entdecken und ausprobieren. Er war einfach zu unsicher im Umgang mit dem anderen Geschlecht, auch seine eigenen Bedürfnisse kannte er nicht so recht. Die erste richtige Freundin hatte er dann im Alter von 25 Jahren. Das war für Oliver ein großer Schritt - sich für die neue Welt der Nähe und Intimität schrittweise zu öffnen. Endlich konnte er seine eigene Sexualität überhaupt erst kennenlernen. Mit Mitte Dreißig ging er dann noch eine Stufe weiter und entdeckte sogenannte Kuschelabende und letztlich das Tantra. Die Erfahrungen, die er dabei machte und die Zärtlichkeiten mit Fremden stärkten sein Selbstbewusstsein so sehr, dass er etwas von seiner Erkenntnis und dem neu gewonnenen Glück nun in seinem Beruf als Sexualbegleiter abgeben möchte. Oliver spricht mit Leeroy Matata über seinen Beruf, wie er dazu gekommen ist und welche Hürden es heute immer noch in Bezug auf sexuelle Freiheit in unserer Gesellschaft gibt.


 

Datingportale für Menschen mit Behinderung: Liebe für alle

Menschen mit sichtbaren Behinderungen haben auf den gängigen Online-Datingportalen oft schlechte Chancen. Carina und Sebastian haben eine andere Partnervermittlung ausprobiert – und das ziemlich erfolgreich.


 

Blind love: Intimacy with a vision loss

If you have never dated a blind person before, you may be worried about how blindness and sexuality go together. You may not be sure what to do when the time comes to be intimate. Feeling like this is completely normal. You would probably feel the exact same way even if your partner had normal vision. While the best way to go forward is to discuss the subject of intimacy with your blind partner, speaking about sex is just not easy for some people. In order to avoid any unnecessary confusion or relationship problems, here is what you should know before you have sex with a blind person.


 

Deciding When to Disclose Mental Illness to Matches on Dating Sites

"Deciding what to reveal at what point in your interactions is one of the most personal decisions you can make."


 
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